Eine dunkle Sage aus dem ganzen Alpenraum — auch im Montafon erzählt
Hoch oben auf den Almen, fernab von Dorf und Mensch, lebten den Sommer über die Sennen. Wochenlang sahen sie keine Menschenseele. Die Einsamkeit fraß an ihnen, und der lange Abend in der niedrigen Hütte zog sich zäh wie kalter Brei.
Einmal saßen drei Sennen im Hochsommer auf einer entlegenen Alp und wussten vor Langeweile nichts mit sich anzufangen. Da kam einem von ihnen ein Einfall: Aus Stroh und alten Kleidern bastelten sie eine Puppe in Frauengestalt — das Sennentuntschi. Sie setzten es an den Tisch, redeten mit ihm und trieben allerlei groben Spott.
Doch am dritten Abend, als sie heimkamen, saß die Puppe nicht mehr leblos am Tisch. Sie atmete. Sie schaute. Die Sennen erschraken zu Tode — was hatten sie da geweckt? Sie versuchten, das Tuntschi zu verbrennen, in die Schlucht zu werfen, in tausend Fetzen zu reißen. Doch am nächsten Morgen saß es wieder am Tisch, und sein Blick wurde von Mal zu Mal kälter.
Schließlich versuchten die Sennen, in der Nacht heimlich ins Tal zu fliehen. Als sie sich aus sicherer Entfernung noch einmal nach der Hütte umdrehten, sahen sie das Tuntschi auf dem Dach stehen — und in seinen Händen hielt es die abgezogene Haut des Sennen, der die Idee gehabt hatte. Es nagelte sie zum Trocknen auf den Hüttengiebel.
So lehrt die Sage: Aus Übermut sollst du nichts ins Leben rufen, was du nicht wieder loswirst.
📚 Quelle & Lizenz:
Sagenstoff aus dem gesamten deutschsprachigen Alpenraum (Schweiz, Vorarlberg, Tirol, Liechtenstein). Klassische Sammlung: Franz Josef Vonbun, „Die Sagen Vorarlbergs", Innsbruck 1858 — gemeinfrei. Vgl. auch Wikipedia: Sennentuntschi.
Diese Fassung: Nacherzählung in moderner Sprache.